Wasserkraft mit Ausdauer
Bericht aus dem Appenzeller Tagblatt vom 28.08.2009
Wasserkraft mit Ausdauer
Seit über hundert Jahren versorgt das Wasserkraftwerk Hinterlochen Heiden mit Strom. Im vergangenen Jahr wurde die Konzession um weitere 50 Jahre verlängert. Morgen Samstag lädt das EW Heiden nun zum Tag der Wasserkraft.
David Scarano
Heiden. Die Wasserkraft ist in der Schweiz von grosser Bedeutung. Der Anteil an der inländischen Stromproduktion beträgt rund 60 Prozent. Dieser Wichtigkeit trägt ein nationaler Tag der Wasserkraft Rechnung, der vom Dachverband diesen Samstag das erste Mal durchgeführt wird. Mit dabei sind auch das EW Heiden und sein Wasserkraftwerk Hinterlochen (siehe Kasten rechts).
Der Anteil des Heidler Werks am Gemeindestromkonsum ist im Vergleich zum Schweizer Gesamtwert nicht ganz so hoch. «Hinterlochen» deckt nur rund sechs Prozent des Strombedarfs Heidens. Trotzdem ist das Wasserkraftwerk wichtig für das EWH. Denn ohne den Bau gäbe es das Unternehmen wohl heute nicht: Dieses wurde 1897 mit der Absicht gegründet, das Wasserkraftwerk zu bauen. Die Inbetriebnahme erfolgte schliesslich 1901. Seither liefert das Werk fast ununterbrochen Strom und wird das auch in den kommenden Jahren noch tun. Im letzten Jahr hat der Kanton die Konzession um 50 Jahre verlängert
Langer Prozess
Für die Neukonzessionierung brauchte das EW Heiden jedoch Ausdauer. Der Prozess begann bereits 1997, also vier Jahre vor dem offiziellen Ende der Bewilligung. Die lange Vorlaufzeit hing mit den strengeren Vorgaben des Bundes zusammen. Ab 2001 sahen sich die Heidler zusätzlich in langwierige Verhandlungen mit diversen Einsprechern verwickelt. Diese zogen sich insgesamt sieben Jahre hin. Unter anderem hatten Naturverbände wegen der Restwassermenge im Gstaldenbach rekurriert. Die Restwassermenge bezeichnet die Abflussmenge, die nach der Entnahme (in diesem Fall für die Stromproduktion) im Fliessgewässer bleibt. Vorgeschrieben sind 15 Liter pro Sekunde. Zwischen 2001 und 2008 konnte das Wasserkraftwerk nur dank einer provisorischen Bewilligung, die sich an die vorangegangene Konzession orientierte, weiter betrieben werden.
Heute merkt man EWH-Betriebsleiter Christoph Mettler die Erleichterung sichtlich an, dass die Zeit der zähen Verhandlungen vorüber ist. Eine Stilllegung des Wasserkraftwerkes hätte er nicht begreifen können: «In Zeiten wie diesen hätte es weh getan, wenn eine gut funktionierende Infrastruktur, die umweltfreundlichen Strom produziert, nicht mehr benützt werden darf», sagt er.
Strom für 600 Lampen
Treibende Kräfte hinter dem Bau des Wasserkraftwerks waren die Heidler Dorfbrunnen- und Roosenkorporation (Wasserversorgung). Sie ist heute noch Hauptaktionärin der EW Heiden AG. Die Idee, das Dorf mit elektrischem Strom zu versorgen, fasste gemäss der Jubiläumsschrift «100 Jahre EWH» Ende der 1880er in Heiden Fuss. Ein erster Versuch scheiterte jedoch. Nur kurze Zeit später nahm man einen zweiten und erfolgreichen Anlauf. Zwischen 1899 und 1901 wurden die Staumauer im List, die Druckleitung und die Zentrale im Hinterlochen gebaut. Am 1. Dezember 1901 erfolgte die offizielle Eröffnung. Das Werk lieferte zunächst für 600 Glühlampen Strom. Aufgrund des steigenden Konsums wurde die Staumauer 1918 um einen Meter erhöht, das Volumen belief sich dadurch auf 14 000 Kubikmeter. Der letzte Ausbauschritt beim Stausee erfolgte 1982. Seither ist er mit 35 000 Kubikmeter der grösste See in Ausserrhoden. Weitere wichtige Stationen waren der Ausbau der Turbinen im Jahre 1923, die Erweiterung des Zentralgebäudes und Installation eines Dieselgenerators 1932, das bei Trockenheit eingesetzt wurde. Der Dieselmotor wurde 1987 durch einen stärkeren ersetzt. Er kommt in Spitzenkonsumzeiten zum Einsatz.
Stilllegung 1971 bis 1977
Bereits 1906 wurde mit der Vorgänger-Organisation der heutigen SAK ein Liefervertrag abgeschlossen. 1957 überstieg der Fremdbezug erstmals die Eigenproduktion. Zwischen 1971 und 1977 musste das EWH das Wasserkraftwerk wegen zunehmender Verschmutzung des Listweihers schliessen. Nach einer Reinigung und einer Anpassung der Infrastruktur, beispielsweise durch Ausbau der Zentrale und Revision sowie Erneuerung der Druckleitungen, wurde die Stromproduktion wieder aufgenommen. Seither lief das Werk fast ohne Störungen. Nur 2001 fiel kurzfristig eine Turbine aus. Und die Zukunft? Zurzeit plant man den Ersatz der elektromechanischen Ausrüstungen und eines Teils der Druckleitungen. Das EWH will Erneuerung in den kommenden zwei oder drei Jahren abschliessen. Damit das Wasserkraftwerk auch in den kommenden Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur umweltbewussten Stromproduktion in Heiden leisten kann.





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